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Bindung und Migration
19. Internationale Bindungskonferenz
Bindung und Psychische Störungen
11. September - 13. September 2020
Bindung und Migration

Karl Heinz Brisch

Curriculum Vitae

Karl Heinz Brisch, emeritierter Univ.-Prof. an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg, Dr. med. habil., ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Psychiatrie und Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Neurologie. Psychoanalytiker für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Gruppen. Ausbildung in spezieller Psychotraumatologie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Er war Vorstand des weltweit ersten Lehrstuhls für Early Life Care und leitet das gleichnamige Forschungsinstitut an der PMU in Salzburg.

Ebenso leitete er als Oberarzt viele Jahre die Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München.

Seine klinische Tätigkeit und sein Forschungsschwerpunkt umfassen den Bereich der frühkindlichen Entwicklung und der Psychotherapie von bindungstraumatisierten Menschen in allen Altersgruppen.

Brisch entwickelte die Präventionsprogramme “SAFE® - Sichere Ausbildung für Eltern” und “B.A.S.E® - Babywatching”, die inzwischen in vielen Ländern Europas, aber etwa auch in Australien, Neuseeland und Russland Verbreitung gefunden haben.

Er ist Gründungsmitglied der „Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit“ (GAIMH e. V. – German-Speaking Association for Infant Mental Health), und war dort viele Jahre lang im Vorstand. Die GAIMH ist eine Tochtergesellschaft der WAIMH – World Association for Infant Mental Health

Brisch ist Autor vieler Fachartikel und Bücher zum Thema Bindung und Trauma sowie bindungsbasierter Psychotherapie.

Brisch verbreitet die Inhalte und Ergebnisse der Bindungs- und Traumaforschung und Psychotherapie auch durch viele Vorträge und die Teilnahme an zahlreichen Radio- und Fernsehsendungen.

(www.khbrisch.de)

Abstract

Bindungsbasierte Beratung und Therapie (BBT): Methode und Anwendung in der Praxis mit verschiedenen Altersgruppen

Die Bindungstheorie ist sehr hilfreich, um die Entstehung von psychischen und psychosomatischen Symptomen und Erkrankungen zu verstehen. Wie kann dieses Wissen für die Behandlung genutzt werden, wenn frühere Bindungserfahrungen von KlientIn/PatientIn sowie von BeraterIn/TherapeutIn aufeinandertreffen? Für den Erfolg scheint es sehr wichtig zu sein, dass sich eine sichere therapeutische Bindungsbeziehung im Verlauf der Behandlung entwickelt. Dies kann sehr schwierig sein, wenn sich die KlientInnen/PatientInnen bindungsunsicher oder sogar bindungsgestört verhalten. Im Vortrag zeige ich die Methode der „Bindungsbasierten Beratung und Therapie (BBT)“ sowie verschiedene Phasen der Behandlung anhand von Beispielen aus unterschiedlichen Altersgruppen.

 

Bindungskrisen in Zeiten der Pandemie

In Zeiten von äußerer und innerer Bedrohung, wenn Kampf und Flucht nicht mehr möglich sind, unterstützt uns unser angeborenes Bindungssystem. Wir durchleben aktuell eine solche Zeit, und es ist ganz normal, dass wir dann körperliche Nähe, Schutz und Sicherheit bei unseren Bindungspersonen suchen. Dieses Verhalten hilft uns in der Regel, unseren Stress gut zu bewältigen. Was aber passiert, wenn wir mit der Bedrohung durch einen unsichtbaren „Virus-Feind“ konfrontiert sind, den wir individuell weder bekämpfen, noch vor ihm fliehen können, weil er inzwischen weltweit vorkommt? Selbst unsere sicherste Bindungsperson, nach der wir uns am meisten in unserer Angst sehnen, könnte uns mit dem potentiell tödlichen Virus anstecken und daher eher eine Bedrohung, als einen Schutz für uns darstellen. Umgekehrt vermeiden wir – entgegen unseren Bedürfnissen - bewusst den Kontakt mit unseren älteren Bindungspersonen, weil wir oder unsere Kinder ebenso ansteckend und für sie im Risikoalter lebensbedrohlich sein könnten. Welchen zusätzlichen Stress lösen „social distancing“ und “Hausarrest” als staatlich verordnete Bewältigungsstrategie in uns aus? Und was passiert, wenn die Bindungspersonen, auf die wir uns sonst verlassen können, selbst von ihren Ängsten überwältigt werden, etwa wegen ökonomischer Sorgen, Langzeitarbeitslosigkeit und Erkrankung? Menschen dürfen in ihrer Angst nicht mehr zu ihren Bindungspersonen, aus Schutz vor Ansteckung. Dies bedeutet, dass das Bindungssystem und das angeborene Schutzkonzept sich ins Gegenteil verkehren, weil Bindungsnähe plötzlich eine tödliche Gefahr bedeuten kann. Wir sind plötzlich sehr auf uns selbst zurückgeworfen und könnten sozial wie emotional in die Isolation geraten. Welche psychischen Krisen werden hierdurch bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausgelöst, vor allem bei psychisch kranken, zuvor schon bindungsunsicheren, traumatisierten Menschen? Wie können wir in Beratung und Psychotherapie hierauf reagieren und welche sozialen Maßnahmen wären aus der Perspektive der Bindungstheorie dringend notwendig?